Es bescherte den Schülerinnen und Schüler der BBS Idar-Oberstein, der Nahetalschule und der Realschule plus Idar-Oberstein einen besonderen theaterpädagogischen Tag. Die Veranstaltung fand in Kooperation und Förderung durch das Landesamt für Soziales, Jugend und Versorgung Fachbereich Suchtprävention statt.
Das Theater Requisit mit seiner Leiterin Nora Steagner genießt in der Präventionslandschaft des Landes Rheinland-Pfalz hohes Ansehen. Das Besondere: Alle Darsteller, bis auf Steagner, waren früher selber suchtkrank. In Idar-Oberstein führte das Ensemble ein einstündiges Improvisationstheater auf, anschließend fanden in mehreren Kleingruppen Gespräche mit den Schülern, Lehrern und Darstellern statt. Fachlich unterstützt wurden die Gesprächsrunden durch die Vertreter des RAK.
„Der Verein Requisit nimmt ausschließlich ehemals suchtkranke Menschen auf, die mindestens drei Monate clean sind“, erklärte die Diplom- und Theaterpädagogin Nora Steagner. Das trifft auch auf die Schauspielerinnen und Schauspieler Pady, Johannes, Dominic und Sascha zu. Ihr Theaterstück konnte von den Schülern beeinflusst werden, in dem sie Themen und Stimmungen vorgaben und Sätze ergänzten. Die Möglichkeit, auf kreative Art und Weise Einfluss auf das Bühnenprogramm auszuüben, machte dem multikulturellen Publikum sichtlich Spaß und so entstand ein gelungenes und spannendes Zusammenspiel, das zunächst überhaupt nichts mit Sucht zu tun hatte.
Nora Steagner erläuterte, dass durch diese Vorgehensweise eine vertrauensvolle Atmosphäre entsteht, durch die die Schüler ihre Hemmungen gegenüber den nachfolgenden Gesprächskreisen verlieren. Außerdem werden damit in den Gesprächsrunden die Türen für das Tabuthema Sucht geöffnet. Diesem Ansatz pflichtete Bernd Wiesemes, Präsident des Kiwanis-Club Idar-Oberstein, bei und ergänzte: „Einen Zugang zu jungen Menschen erreicht man am ehesten, wenn man auf Augenhöhe agiert.“
In den Gesprächsrunden ging es dann richtig zur Sache. Im geschützten Rahmen wurden Ursachen und Suchtverläufe thematisiert, die Schüler bekamen Infos zu den regionalen Fachberatungsstellen und deren Hilfsangeboten. Die Schauspieler sind fest beim Theater Requisit angestellt und für diese Gespräche besonders geschult. Sie sprechen mit den jungen Menschen über erste Anzeichen von Sucht und über Wege heraus. Wichtig ist ihnen dabei, zu vermitteln, dass es auf dem Weg aus der Sucht immer Höhen, Tiefen und alles dazwischen geben könne. Es gebe kein Alles-oder-Nichts - „Ich habe es geschafft“ oder „Ich bin wieder rückfällig“ – Rückfälle gehörten zu dem Prozess dazu. Steagner betonte hierbei eine motivierende Gesprächsführung, die Bestärkung in bereits erlernten Bewältigungsstrategien und das Aufzeigen bestehender Ressourcen. Daher sei das Theater auch für die ehemaligen Abhängigen selbst eine stabilisierende Säule.
Nicht nur die Schüler, sondern auch die Lehrkräfte selbst nahmen an einer Gesprächsrunde mit der Theaterleiterin teil. Dabei erzählte Schauspielerin Pady, die schon mehrere Jahre beim Theater ist, von ihren persönlichen Erfahrungen. Bei ihr haben traumatische Ereignisse in der Kindheit in die Sucht geführt. Mittlerweile hat sie ihre Geschichte therapeutisch aufgearbeitet und reflektiert. Um das Rückfallrisiko zu minimieren, habe sie sich dem Theater Requisit angeschlossen und ihr altes Umfeld verlassen.
„Wenn von Suchtprävention die Rede ist, denken viele gleich an Verbote und den gehobenen Zeigefinger“ erläutern Sabine Moser und Sebastian Herzig vom Stadtjugendamt, die beide auch die Tom und Lisa Workshops zur Alkoholprävention im Stadtgebiet durchführen. Dass es auch ganz anders geht, dass man Jugendlichen Spaß, Lebensfreude und neue Perspektiven als bestes Rezept gegen Drogen und zu viel Alkohol vermitteln kann, beweise diese Veranstaltung, resümieren die beiden Pädagogen. Kein Verbot- sondern Risikomanagement sind auch Kernaspekte des HaLT- Hart am Limit Alkoholpräventionsprogramm, welches beim Stadtjugendamt Idar-Oberstein anhängig ist.
„Die Veranstaltung stieß bei unserer Schülerschaft auf großes Interesse. Für viele Jugendliche war es eine tolle Theatererfahrung und ihr Wissen rund um das Thema Abhängigkeit hat sich vergrößert. Besonders bemerkenswert ist, dass sogar aus dem Umfeld der Schülerschaft positive Rückmeldungen an uns herangetragen wurden“, erläuterte die Schulsozialarbeiterin Sophie Schwinn. Den Schülerinnen und Schüler wurde im Anschluss an die Veranstaltung ein Reflexionsbogen ausgehändigt. Auf Grund der sehr guten Rückmeldungen aus der Schülerschaft überlegen die Organisatoren, im nächsten Jahr gleich mehrere Veranstaltungen mit dem Theater Requisit in der Stadt Idar-Oberstein anzubieten.
