Eindringliche Mahnung vor rechter Gewalt

Schalom-Vorsitzender Axel Redmer (r.) und Oberbürgermeister Frank Frühauf (l.) dankten Roman Knižka (4. v. l.) und dem Ensemble Opus 45 für deren überaus eindringliche Darbietung im Rahmen der diesjährigen Gedenkveranstaltung.

Die von der Stadt Idar-Oberstein und dem Verein Schalom organisierte Gedenkveranstaltung zum 27. Januar stieß in diesem Jahr auf große Resonanz. Weit mehr als 200 Besucher kamen zur Matinee mit Grußworten von Oberbürgermeister Frank Frühauf und des Schalom-Vorsitzenden Axel Redmer sowie einem Kammerkonzert mit Lesung des Ensembles Opus 45 und des Schauspielers Roman Knižka in die Göttenbach-Aula.

Der 27. Januar ist der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. „Dieser Tag ist allen Opfern des NS-Regimes gewidmet. Allen, die verfolgt, gequält und ermordet wurden“, unterstrich Oberbürgermeister Frank Frühauf. Der Gedenktag dürfe jedoch nicht nur in die Vergangenheit gerichtet sein. Er müsse auch Mahnung für die Gegenwart und Zukunft sein. Denn aktuell erlebe man in Deutschland wie in großen Teilen Europas die Rückkehr rechten Gedankenguts und völkischer Phrasen. Vor diesem Hintergrund kam auch dem Programm der diesjährigen Gedenkveranstaltung unter dem Titel ‚Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen‘ eine besondere Bedeutung zu. Denn es beschäftigte sich mit der Geschichte und der Gegenwart rechtsextremer und rassistischer Gewalt in Deutschland, die bis heute Teil der deutschen Demokratiegeschichte ist. „Daher ist dieser Gedenktag eine Mahnung an uns alle, die freie, rechtsstaatliche Gesellschaft die wir uns aufgebaut haben, zu verteidigen“, so Oberbürgermeister Frühauf, der sich auch beim Landkreis Birkenfeld und dem Internationalen Bund für die Förderung der Veranstaltung im Rahmen des Bundesprogramms ‚Demokratie leben!‘ bedankte.

Schalom-Vorsitzender Axel Redmer dankte der Stadt Idar-Oberstein dafür, dass sie gemeinsam mit dem Verein seit 2005 diese Gedenkveranstaltung ausrichtet. „Die Stadt steht hinter dieser Veranstaltung, das ist längst nicht überall so“, unterstrich der frühere Landrat. Lange habe man den Satz ‚Nie wieder‘ wie eine Monstranz vor sich her getragen. Heute deute die Entwicklung in Deutschland und Europa auf ein ‚Schon wieder‘ hin, erklärte Redmer. Dabei verfolgten die neuen Rechten das gleiche Ziel wie damals, nämlich die Demokratie verächtlich zu machen. Diese Einstellung habe eine lange Tradition, so Redmer. Schon in einem geheimen Lagebericht vom Januar 1947 beschrieb der damalige Birkenfelder Landrat Jakob Heep die Stimmung in der Bevölkerung mit den Worten: „Besonders die Jugend steht in ihrer überwiegenden Mehrheit der heute in Erscheinung tretenden Form der Demokratie ablehnend gegenüber. Sie vergleicht die gegenwärtigen Zustände mit denen des 3. Reiches und sieht, dass es ihr und der Bevölkerung im Ganzen unter Hitler besser gegangen ist als heute.“ Und das keine zwei Jahre nach dem Ende des 2. Weltkrieges. Daher sei eine stete Aufklärungsleistung notwendig, „damit es beim ‚Nie wieder‘ bleibt“, unterstrich der Schalom-Vorsitzende.

In ihrem rund eineinhalbstündigen Programm schlugen dann das Bläserquintett Ensemble Opus 45 und Schauspieler Roman Knižka den Bogen vom ‚Schwur von Buchenwald‘ vom 19. April 1945 bis zu den rechtsextremen Terrorakten des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), der zwischen 2000 und 2007 neun Migranten und eine Polizistin ermordete sowie 43 Mordversuche, drei Sprengstoffanschläge und 15 Raubüberfälle verübten. Dabei brachte Knižka eindringlich harte Fakten in Form von Reportagen, Stimmen von Opfern rechter Gewalt sowie das Zeugnis einer Neonazi-Aussteigerin zu Gehör. Damit beleuchtete er schlaglichtartig einschneidende Ereignisse in der Entwicklung der extremen Rechten seit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland. Unter anderem die Schändung der Kölner Synagoge im Jahr 1959, das Attentat auf Rudi Dutschke, das Oktoberfestattentat in München, die Pogrome von Rostock und Mölln. Den musikalischen Kommentar, stellenweise auch Kontrapunkt zu den Rezitationen, lieferte das Ensemble Opus 45 in Form von großen Werken der Bläserliteratur von Paul Hindemith, Pavel Haas und György Ligeti – drei Komponisten, die zu Opfern von Holocaust und nationalsozialistischer Diktatur wurden. Der Titel des Programms, das dazu anregen soll, sich mit der Problematik rechter Gewalt auseinander zu setzen, ist übrigens ein Zitat des italienischen Schriftstellers Primo Levi. Der Auschwitz-Überlebende warnte im Jahr 1986 in seinem Buch ‚Die Untergegangenen und die Geretteten‘ davor, im Gedenken an die Verbrechen des Holocaust nachzulassen: „Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen: Darin liegt der Kern dessen, was wir zu sagen haben.“