Ein starkes Zeichen gegen das Vergessen

Gedenkveranstaltung stieß auf große Resonanz

Mit Ansprachen von Bürgermeister Friedrich Marx und des Schalom-Vorsitzenden Axel Redmer, der Lesung von Titus Müller sowie der Musik von Uwe Zeutzheim, Gili Goverman, Charis Jenson und Kirsten Jenson (v. l.) setzte die Gedenkveranstaltung ein starkes Zeichen gegen das Vergessen.

Mit weit mehr als 200 Gästen stieß die diesjährige Gedenkveranstaltung anlässlich des 27. Januars auf große Resonanz. Seit dem Jahr 2005 richten die Stadt Idar-Oberstein und der Schalom-Verein die Veranstaltung zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus gemeinsam aus. Zum 75. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz waren hierzu so viele Besucher wie noch nie in die Göttenbach-Aula gekommen.

In seiner Ansprache ging Bürgermeister Friedrich Marx auf die Entstehung des Gedenktages ein. Am 27. Januar 1945 befreiten Soldaten der Roten Armee die Überlebenden des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau. 1996 proklamierte der damalige Bundespräsident Roman Herzog diesen Tag als nationalen Gedenktag, „um all den Menschen zu gedenken, die dem Rassenwahn, dem Verfolgungs- und Vernichtungswahn der Nationalsozialisten zum Opfer fielen“, so Bürgermeister Marx. „75 Jahre nach Auschwitz haben wir in Deutschland wieder eine Vielfalt gewonnen, an die damals wohl keiner zu träumen gewagt hätte.“ Und doch gäbe es auch wieder Strömungen, die sich auf den Weg der Ausgrenzung, der Stigmatisierung begeben. Gedanken, die noch vor wenigen Jahren als nicht sagbar galten, würden wieder salonfähig. Menschen, die anders aussehen, anderer Meinung sind, anders Lebensentwürfe verfolgen, würden beschimpft, bedroht, verletzt und sogar ermordet, erklärte Marx. Er zitierte aus einem aktuellen Bericht des Nachrichtenmagazins Spiegel, für den Holocaust-Überlebende dazu befragt wurden, wie sie diese Veränderungen innerhalb der letzten fünf Jahre erleben. „Es gibt so viel offenen Antisemitismus. Es ist so Furcht einflößend. Es ist nicht vorbei.“, so lautet ein Statement von Bronia Brandman aus diesem Artikel. Dieser Entwicklung müsse man frühzeitig und konsequent entgegentreten, unterstrich Marx: „Nur wenn wir bereits den Anfängen von Intoleranz und Inhumanität wehren, haben wir eine Chance. Es ist heute noch nicht zu spät – und ich hoffe sehr, es wird es auch morgen noch nicht sein.“

Der Schalom-Vorsitzende Axel Redmer freute sich über den großen Zuspruch zur Gedenkveranstaltung, „das ist keine Selbstverständlichkeit.“ Auch er stellte die Frage, wie die Gesellschaft mit dem erstarkenden Rechtradikalismus und ‑extremismus umgehen solle. Vor dem Hintergrund, dass in Deutschland mehr als die Hälfte der Schüler nicht wisse, was Auschwitz ist, und in Österreich sogar die Hälfte der Bevölkerung mit diesem Begriff nichts anfangen könne, müsse wieder mehr aufgeklärt werden. „Die Erinnerung darf nicht verblassen.“ Daher möchte der Schalom-Verein in den nächsten Jahren ein Gedenkbuch herausgeben, das an die Opfer aus der Region erinnert. „Und das sind mehr als wir dachten“, so Redmer, der dazu aufrief, dass sich Personen, die über entsprechendes Material verfügen, bei Schalom oder der Stadt Idar-Oberstein melden.

Den Mittelpunkt der Gedenkveranstaltung bildete eine Lesung des Autors Titus Müller aus seinem Buch „Geigen der Hoffnung – Damit ihr Leid nie verklingt“, das er gemeinsam mit Christa Roth geschrieben hat. Das Buch handelt von dem Geigenbauer Amnon Weinstein, der Violinen restauriert, die verfolgten Juden und KZ-Insassen gehört haben. Diese verleiht er dann weltweit für Konzerte. Über seine Arbeit sagt Weinstein: „Wenn wir die Instrumente wieder zum Leben erwecken, dann ist das der größte Beweis, dass die Nazis gescheitert sind.“ In einem zweiten Handlungsstrang erzählt Titus Müller in dem Buch die Geschichte der Brüder Marek und Stani, die nach Dachau deportiert werden. Marek spielt dort im Lagerorchester. Die Musik hilft ihm und den Mitinsassen, durchzuhalten. Dieser Handlungsstrang beschäftigt sich viel mit der Mixtur an Menschlichkeit und Unmenschlichkeit, die im Konzentrationslager Alltag war. Und Müller trug diese Passagen so packend und eindringlich vor, dass sie beim Publikum einen tiefen Eindruck hinterließen. Ebenso eindringlich und eindrucksvoll war der konzertante Teil der Veranstaltung. In herausragender Weise spielten Pianist Uwe Zeutzheim, Dozent für Klavier und Liedklasse am Peter-Cornelius-Konservatorium Mainz, Violinistin Charis Jenson, Cellistin Kirsten Jenson und Sängerin Gili Goverman Musikstücke jüdischer Komponisten und transportierten dabei die ganze Bandbreite an Emotionen – von Freude bis Trauer, von Schmerz bis Hoffnung – die diesen Werken innewohnt.